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Der falsche Bruder... erschien 2003
Sebastian wanderte über den Hof, sah mal hierhin, mal dorthin. Schließlich ging er zu der Bank, die an der Gefängnismauer stand. Karl saß auf ihr und rauchte.
Karl drückte die Zigarette aus und grinste. Sebastian beugte sich ein wenig zu ihm runter und flüsterte: Auf der Krankenstation bekam Sebastian einen Gipsverband. Sein linker Arm schmerzte. Doch das war ihm egal. Jetzt durfte er keine mehr Zeit verlieren. Er musste seine Tochter retten! Als der Krankenpfleger ihm kurz den Rücken zuwandte stand er auf. Er packte den Pfleger am Hals, rang ihn zu Boden und stopfte ihm ein Tuch in den Mund. Nachdem er ihn ans Bett gefesselt hatte, wartete er an der verriegelten Tür auf die frische Wäsche. Sebastians dachte an seine Tochter. Sie durfte auf keinen Fall bei seinem Bruder bleiben. Wie konnte die Richterin nur so einem Mann das Sorgerecht geben? Seine Frau hätte das auch nicht zugelassen. Gott hab sie selig. Um kurz vor 18 Uhr öffnete sich die Tür. Sebastian zog den Wäschewagen mit einem Ruck in den Raum hinein. Der Pfleger, der den Wagen schob, stürzte zu Boden. Dem Wachmann schlug Sebastian seinen Gipsarm direkt unters Kinn.
Die Sirene ertönte, als Sebastian mit dem Transporter, der eben noch die Wäsche geliefert hatte, den Gefängnishof verließ. Vor dem Tor sprang Sebastian auf die Straße. Hinter ihm bremste ein BMW. Ein Mann lehnte sich aus dem Fenster und schimpfte. Mit dem Auto kam Sebastian jedoch nicht weit. Fast jede Ampel war rot. Bald würde die Polizei ihn einholen! Sebastian knabberte an seinen Fingernägeln. Hoffentlich war es noch nicht zu spät! Vor einem U-Bahn-Schild bremste er. Während er sich die erbeutete Jacke anzog, sprang er die Stufen hinab und erwischte gerade noch eine Bahn. In der Jackentasche fand er ein Portemonnaie mit Geld, EC-Karte, Pass und Führerschein. Sebastian sah sich nicht um. Er marschierte über den vermüllten U-Bahn-Platz bis zu einer Straße, an der sich kleine Geschäfte und einige Hotels aneinander reihten. Dann schlich er durch eine Gasse zu einem Trödlerladen, betrat diesen durch die Hintertür und ging an den Regalen mit den Schmuddelvideos vorbei bis zu einem kleinen Zimmer, in dem der Besitzer gerade über seinen Büchern saß.
„Sebastian. Wo kommst du denn her?“
„Was willst du tun?“ Sebastian sah den alten Schröder flüchtig an. Dann lud er den Revolver, grüßte und verschwand. Ein paar Straßen weiter blieb er an einer Telefonzelle stehen. Gegenüber war das Haus, indem er noch vor wenigen Wochen ein glückliches Familienleben geführt hatte. Jetzt würde er hier seinen Bruder finden. Und sein Bruder würde sagen, das ist nicht deine Tochter, sondern meine Geliebte. Aber das würden seine letzten Worte sein. Als in einem der Zimmer das Licht anging, huschte ein Lächeln über Sebastians Gesicht. Er überquerte die Straße und wollte gerade durch die Toreinfahrt in den Hinterhof, da wurde er von hinten gepackt und niedergerissen. Sebastian versuchte, die Männer abzuschütteln, doch sie drückten ihn auf den Boden und legten ihm Handschellen um. Über sich erkannte er das Gesicht von Kommissar Peters, der ihn vor ein paar Wochen festgenommen und ins Gefängnis gebracht hatte. Sebastian schrie:
„Ich muss zu meiner Tochter!“ Sebastian stöhnte auf. Sein Geicht verzerrte sich zu einer Fratze. Noch nie hatte ihm irgendwer geglaubt. Er war schon immer das Opfer gewesen. Schon immer.
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